So lange alles einigermassen funktioniert, redet man in der Regel nicht darüber. Das gilt insbesondere auch für den Darm und all seine Funktionen, die, das wissen wir alle, für unser tägliches Wohlbefinden unverzichtbar sind. Innerhalb des Darms passiert aber noch viel mehr als der tägliche «Nahrungsdurchlauf»: So können sich im Laufe der Zeit gutartige Schleimhautgeschwüre, sogenannte Polypen, bilden. «Diese stellen im Anfangsstadium kein Problem dar», erklärt Walter R. Marti, Chefarzt der Klinik für Chirurgie am KSA. Doch: Innerhalb von mehreren
Jahren kann aus dem gutartigen Polyp ein bösartiger Tumor werden.

Unbeliebte Darmspiegelung
So geschehen bei Werner P., 66-jährig, pensionierter Briefträger. Sein
Hausarzt hat bei ihm Blut in der Stuhlprobe entdeckt und überweist ihn darum zum Gastroenterologen für eine Darmspiegelung ins Darmzentrum des Kantonsspitals Aarau. «Da Darmkrebs im Frühstadium keine Beschwerden macht, empfehlen wir ab 50 Jahren die Darmspiegelung als Vorsorgeuntersuchung mindestens alle zehn Jahre. Die Kosten werden neu von der Krankenkasse übernommen», sagt Gaudenz Curti, Leitender Arzt Abteilung für Viszeralchirurgie und Koordinator des Darmzentrums. Werner P., der sportlich sehr aktiv ist und auch das Rauchen vor einigen Jahren aufgegeben hat, hat dies bisher versäumt. Er sagt: «Ich fühlte mich gesund und sah keinen Anlass dafür, diese doch etwas  unangenehme Vorsorgemassnahme in Anspruch zu nehmen.»

Gutartiger Polyp oder nicht?
So wie er denken viele. Walter R. Marti sagt es direkt: «Eine  Darmspiegelung ist sicher nicht das Höchste der Gefühle.» Doch ganz so schlimm, wie häufig darüber gesprochen werde, sei es auch wieder nicht: «Das Unangenehmste ist die Vorbereitung darauf, weil man ein starkes Abführmittel einnehmen muss, um den Darm gänzlich zu entleeren.» Für den Eingriff werde der Patient in eine leichte Narkose gelegt – «er ist nicht bei Bewusstsein, atmet aber noch selber», erklärt Gaudenz Curti. Während der Darmspiegelung wird der Polyp «im gleichen Arbeitsgang» vom Gastroenterologen entfernt und an den Pathologen geschickt, damit
dieser ihn auf mögliche vorhandene Tumorzellen untersucht. Curti: «Im
besten Fall findet der Pathologe nichts Verdächtiges und die Geschichte ist damit erledigt.»

Bei Werner P. waren bei der mikroskopischen Untersuchung der Biopsie
jedoch Tumorzellen erkennbar. «Kein Tumor ist gleich wie der andere – darum wird für jeden Patienten die individuell beste Behandlung gesucht» betont Walter R. Marti. So arbeiten im neu ISO-zertifizierten  Darmzentrum des Kantonsspitals Aarau, das insbesondere auf die Abklärung und Behandlung von Krebserkrankungen des Dick- und Mastdarms spezialisiert ist, Fachleute aus allen beteiligten Gebieten
zusammen: Gastroenterologen, Radiologen, Onkologen, Chirurgen, Pathologen, Nuklearmediziner. Sie alle treffen sich regelmässig an sogenannten «Tumorboards». «Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit ist darum so wichtig, weil jeder beteiligte Arzt wichtiges Wissen aus seinem Fachgebiet beisteuert», erklärt Walter R. Marti. Kein Arzt entscheide im Alleingang, sondern es werde stets gemeinsam nach der bestmöglichen Lösung gesucht.

Bereits Ableger im Körper?
Zurück zu Werner P. Um genauere Informationen über die Ausdehnung des Mastdarmtumors herauszufinden, erfolgten bei ihm eine Computertomographie des Brust- und Bauchraums, eine Magnetresonanztomographie des Beckens und eine dreidimensionale Ultraschalluntersuchung des Mastdarms. Dabei fanden die Ärzte lokale Lymphknoten-Metastasen. «Gemeinsam haben wir an der interdisziplinären Tumorfallbesprechung für Werner P. eine Strahlentherapie in Kombination mit Chemotherapie als Vorbereitung auf
die Operation festgelegt. Diese Massnahmen können zu einer Verkleinerung des Tumors führen, was wiederum die Chancen für eine Schliessmuskel schonende Operation erhöht und das Risiko eines lokalen Rückfalls deutlich senkt», erklärt Walter R. Marti. Denn klar: Wenn immer möglich, werde versucht, den Tumor so zu operieren, dass danach kein permanenter künstlicher Darmausgang nötig sei.

Rückfallgefahr senken
Da der Tumor bei Werner P. im Mastdarm, dem letzten Teil des Dickdarms, sitzt, entscheiden sich die Chirurgen für ein laparoskopisches und transanales Vorgehen (Artikel unten). Der Eingriff verläuft gut. Werner P. weiss: Die lokale Rückfallquote liegt heutzutage
aufgrund der vielschichtigen Therapie um die fünf Prozent. «Das Risiko eines Rückfalls in Form von Metastasen in der Leber oder der Lunge, sogenannte Fern-Ableger, können wir senken, indem der Patient nach der Operation nochmals eine Chemotherapie erhält», erklärt Gaudenz Curti. Heute, zwei Jahre nach dem Eingriff, gilt Werner P. soweit
als gesund, muss aber regelmässig mit Blutuntersuchungen, Darmspiegelungen und Computertomografien nachkontrolliert werden.

Zu den Personen
Prof. Dr. Walter R. Marti ist Chefarzt der Klinik für Chirurgie und Leiter Darmzentrum (links); Dr. Gaudenz Curti ist Leitender Arzt der Abteilung für Viszeralchirurgie und Koordinator des neuen Darmzentrums im KSA.