Herr Caspar, wie merke ich, dass ich Krebs habe? Wie zeigt sich das?

Am häufigsten wird Krebs entdeckt, weil jemand wegen bestimmter Beschwerden den Hausarzt aufsucht. Etwa, weil der Husten nicht weggeht, man Blut im Stuhl erkennen kann, körperliche Schmerzen hat oder sich kraftlos fühlt. All das kann, muss aber nicht ein Anzeichen einer Krebserkrankung sein. Der Hausarzt wird den Patienten im Verdachtsfall für weitere Abklärungen an einen Spezialisten überweisen.

Daneben gibt es diverse «Screening»-Programme. Was bringen die?

Diese sind sehr wichtig und können mithelfen, eine Tumorerkrankung im frühen Stadium zu erkennen. Dazu gehört etwa die Mammographie bei Frauen oder die im 10-Jahres-Turnus empfohlene Darmspiegelung bei über 50-Jährigen. Für Risiko-Patienten – beispielsweise solche, bei denen mehrere Familienmitglieder von der gleichen Tumorerkrankung betroffen sind – werden die Screenings noch engmaschiger durchgeführt. Generell gilt: Je früher man einen Krebs entdeckt und behandelt, desto besser sind die Aussichten.

Hat die Diagnose «Krebs» heute etwas von ihrem Schrecken verloren?

Das würde ich so nicht sagen, nein. Krebs ist nach wie vor nicht generell heilbar. Jährlich sterben in der Schweiz rund 16 000 Personen daran. Natürlich sind wir durch die Fortschritte in der Medizin, punkto Wissen und Therapien, weiter. Einen aggressiven Lymphdrüsenkrebs als Beispiel kann man heute viel häufiger heilen als noch vor Jahren. Oder ein Patient mit Metastasen eines Darmkrebses lebt heute länger und besser und hat in speziellen Fällen sogar Aussicht auf Heilung. Auch lässt sich die Lebensqualität von Krebspatienten heute besser positiv beeinflussen.Das sind wichtige Fortschritte.

Und: Heute sind deutlich mehr Fachpersonen in die Behandlung von Krebspatienten involviert.

Das stimmt. Ich erinnere mich: Früher hat derselbe Arzt Herzinfarkte behandelt, Bäuche operiert und Geburten eingeleitet. So etwas ist heute schlicht nicht mehr denkbar. Nicht zu vergessen: Es gibt nicht einfach den Krebs – sondern ganz unterschiedliche Formen und Arten. Krebstherapien werden darum auch immer komplexer, und es braucht dafür Spezialisten unterschiedlichster Fachrichtungen.

... die im neu gegründeten Tumorzentrum im Kantonsspital Baden noch näher zusammenrücken. Wie muss man sich das vorstellen?

Hier werden jede Woche sechs Tumorkonferenzen durchgeführt. Alle Spezialisten, vom Radiologen über den Chirurgen, den Pathologen und den Onkologen bis zum Strahlentherapeuten, sind involviert. Gemeinsam wird für jeden Patienten ein individueller Behandlungsplan erarbeitet. Es geht, vereinfacht gesagt, darum, sicherzustellen,
dass alle Beteiligten vom Gleichen reden, die Zusammenarbeit optimal koordiniert ist und mögliche Hindernisse oder Doppelspurigkeiten während der Behandlung  vorausschauend erkannt und beseitigt werden.

Das mag einleuchtend klingen – doch: Verkommt man da als Patient nicht einfach zu einem «Fall», zu einer «Nummer» in der Konferenz?

Hightech-Medizin und menschliche Nähe schliessen sich nicht aus. Wir achten darauf, dass der Patient stets eine Ansprechperson hat, an die er sich wenden kann. Diese Ansprechperson kann im Verlauf der Behandlung wechseln – je nachdem, wo der Patient im Behandlungsplan steht. Dies wird ihm aber immer rechtzeitig mitgeteilt; er wird nicht im Unklaren gelassen.

Und wie läuft es ab, wenn – wie eingangs erwähnt – der Hausarzt einen Patienten wegen verdächtigem Husten weiterweisen will?

Dank des Tumorzentrums ist die Zuweisung von Patienten an die klar definierten Ansprechpartner im KSB einfacher. Zudem wird gewährleistet, dass Hausärzte und externe Fachspezialisten bei kritischen Entscheidungen beigezogen und zeitnah informiert werden. Hausärzte sind zudem eingeladen, am Tumorboard ihrer Patienten teilzunehmen
– geplant ist, dass dies künftig auch online möglich ist, via Konferenzschaltung.

Und was, wenn sich der Patient oder die Patientin ganz klar gegen eine Chemotherapie oder Medikamente ausspricht?

Dann wird das respektiert. Operation, Strahlentherapie oder medikamentöse Behandlung können einzeln oder in Kombination zur Anwendung kommen. Doch was das Tumorboard auch immer beschliesst: Das letzte Wort hat stets der Patient. Dies ist besonders wichtig, wenn die Krebserkrankung nicht mehr heilbar ist und das Ziel der Behandlung darin liegt, möglichst lange eine gute Lebensqualität zu erhalten.

Das heisst, auch die Seelsorge ist im Tumorzentrum involviert?

Von der Spitalseelsorge über Physiotherapeuten und Ernährungsberater bis zu Spezialisten in der psychosozialen Onkologie  und der Palliative Care – all diese Fachrichtungen arbeiten mit und geniessen hohen Stellenwert.

Autorin: Ursula Känel Kocher