Als Klaus Müller (Name geändert), 49, unerwartet die Kündigung erhält, fällt er psychisch in ein tiefes Loch und spielt mit dem Gedanken, sich umzubringen. Sein Nachbar zwei Häuser weiter erlitt kurz nach der Scheidung einen Autounfall und ist seither teilinvalid – trotzdem scheint er seinem Leben Positives abgewinnen zu können. «Manche Menschen», sagt Roman Vogt, ehemaliger Chefarzt des Externen Psychiatrischen Dienstes im Aargau, «verfügen über eine erstaunlich robuste seelische Gesundheit und stecken Tiefschläge weg, während andere daran zerbrechen.» Wie kommt das? DAS ZAUBERWORT heisst «Resilienz », was man auch mit «Gedeihen trotz widriger Umstände » umschreiben könnte. Roman Vogt erklärt: «Wer die aktuelle, schwierige Situation akzeptieren kann, die Opferrolle verlässt, Verantwortung fürs eigene Leben übernimmt, sich Ziele setzt und vernetzt, der läuft weniger Gefahr, psychisch zu erkranken. » Die gute Nachricht: Eine solche Einstellung lässt sich – etwa im Rahmen einer Psychotherapie – erarbeiten. Einen absoluten Schutz vor psychischer Erkrankung bietet Resilienz jedoch nicht. Psychische Krankheiten entwickeln sich nämlich auf dem Boden einer Mischung von Erbanlagen und prägenden kindlichen Lebenserfahrungen. Oftmals lösen aktuelle Ereignisse wie Jobverlust, Beziehungsabbruch oder Tod eines nahestehenden Menschen den depressiven Einbruch oder die psychotische Phase aus. «Vielfach kommen mehrere Faktoren zusammen, und irgendwann wird dann alles zu viel», erklärt Roman Vogt.

OFT FÄNGT ES STILL und heimlich an: Mit Kopf- oder Rückenschmerzen, Schlafstörungen, ständiger Gereiztheit. «Man findet keine medizinischen Ursachen für die gesundheitlichen Probleme – und es kann Monate oder Jahre dauern, bis die psychische Erkrankung diagnostiziert wird.» Dies nicht zuletzt darum, weil psychische Erkrankungen nach wie vor stigmatisiert werden. «DANK OUTINGS von Prominenten wie Komiker René Rindlisbacher, Filmemacher Rolf Lyssy und Politiker Rolf Schweiger ist das Verständnis für Menschen mit Burnout oder Depression mittlerweile etwas gestiegen », sagt Roman Vogt. In vielen Fällen aber, etwa bei Sucht oder Psychosen, werde nach wie vor meist geschwiegen, weil die Betroffenen und Angehörigen Stigma und Ausgrenzung fürchten. Dabei wäre das Reden darüber, wie es einem geht, ein wichtiger Schritt Richtung Genesung. Die Behandlung psychisch kranker Menschen erfolgt je nach Schweregrad in einer ambulanten Psychotherapie, in einer Tagesklinik oder stationär in einer Klinik; bei Bedarf unterstützt durch Medikamente und weitere Therapieformen. Daneben ist auch das persönliche Umfeld des Patienten entscheidend: Vogt erinnert sich an einen 50-jährigen Patienten mit Depression, bei dem es trotz Behandlung weder vor- noch rückwärtsging. Nach Monaten der Geduld sagte sein 20-jähriger Sohn zu ihm: «Papa, wann lachst du endlich mal wieder?» Da wird dem Mann mit einem Schlag bewusst, dass er sich das Lachen in den letzten Jahren völlig abgewöhnt hat. Diese Erkenntnis brachte schliesslich die Wende.

«LACHEN IST WICHTIG», betont Roman Vogt. Einer seiner Klienten habe kürzlich zu ihm gesagt, er solle doch auch mal betonen, «dass wir in der Therapie viel zusammen lachen». Doch: Mit Lachen allein wird man nicht gesund. «Es geht darum, neue Strategien zur Bewältigung des Alltags zu entwickeln», sagt Roman Vogt. DIE EINGESPIELTEN Verhaltensmuster «umzupolen», bedeute harte Arbeit und sei nicht von heute auf morgen machbar. Rückschläge gehörten dazu; Hoffnung ist der ständige Begleiter. «Es ist vergleichbar mit dem Erlernen eines Musikinstrumentes: Nach drei Monaten kann man auf dem Klavier ein einfaches Lied klimpern; nach einem Jahr wagt man sich an ein Stück von Mozart, und nach fünf Jahren gibt man das erste Konzert.» Und was kommt danach? Wie gross ist die Gefahr, wieder krank zu werden? «Das hängt davon ab, ob Betroffene über eine Art «Frühwarnsystem» verfügen », sagt Roman Vogt. Gute Chancen habe, wer erste Alarmzeichen ernst nehme und sich dann Unterstützung hole. Roman Vogt: «Es geht darum, zu reagieren, wenn die Warnlampen gelb blinken – und nicht erst, wenn sie auf Rot stehen.»

Autorin: Ursula Känel Kocher