Wenn die elfjährige Leandra nach der Schule nach Hause kommt, weiss sie nicht, was sie erwartet. Wird die Mutter wieder betrunken sein? Muss sich Leandra, wie so oft in den letzten Monaten, selber ums Essen und ihren jüngeren Bruder kümmern? Hilfe bei den Hausaufgaben kann sie von ihrer Mutter nicht erwarten. Und seit diese in der Küche betrunken umgefallen ist, nimmt sie auch keine Freundinnen mehr mit nach Hause. Ihren elften Geburtstag vor zwei Monaten? Den hat die Mutter glatt vergessen.


Mit solchen und ähnlichen Situationen wird Suzanne Pellaux durch ihre Arbeit bei der Suchtberatung ags Aargau häufig konfrontiert. Und sie weiss: «Das Leid von Kindern psychisch kranker Eltern geht in der Öffentlichkeit oftmals vergessen.» Kinder von Eltern also, die Alkohol- oder Drogenprobleme haben oder an Depressionen, Psychosen, Zwangs- und Angststörungen leiden. «Wir behandeln in der Suchtberatung zu 90 Prozent Erwachsene; fragen aber immer explizit nach, ob Kinder vorhanden sind und wie es ihnen geht - damit man diese rechtzeitig mit einem Hilfsangebot auffangen kann», erklärt Pellaux.

"Wie kleine Erwachsene"
Hilfe bietet der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst (KJPD) der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG). « Kinder leiden unter der psychischen Krankheit ihrer Eltern», sagt Martin Pfeffer, leitender Oberarzt des KJPD-Ambulatoriums in Baden. «Ein schizophrener Vater etwa kann seinen Sohn im einen Moment mit Zuwendung überschütten, im anderen brüsk zurückweisen. Der Alltag solcher Kinder ist unberechenbar, weshalb sie feine Antennen für die Stimmungslage des kranken Elternteils entwickeln und sich bemühen, stets das in diesem Moment gewünschte Verhalten zu zeigen.» Da die Mutter oder der Vater nicht in der Lage seien, die Bedürfnisse ihres Kindes wahrzunehmen, müsste dieses selber für sich sorgen - «vielfach treten solche Kinder bereits wie Erwachsene auf.»


Die Folgen davon? Suzanne Pellaux: «Die Kinder entwickeln zwar viel soziale Empathie für andere, können dafür aber die eigenen Bedürfnisse nur schlecht wahrnehmen.» Martin Pfeffer ergänzt: «Manche Kinder reagieren mit Zwangsstörungen: Wenn schon der Alltag nicht kontrollierbar ist, sollen es dafür zumindeste die eigenen Handlungen sein.»


Dies könne sich in ständigen Händewaschen äussern oder im Schliessen sämtlicher Türen. Selbstverletzungen, Mobbing, eigene Suchtentwicklung oder Gewalt gegen Gleichaltrige seien weitere Reaktionen. Pfeffer: «Häufig stellt sich heraus, dass auffällige Kinder, die uns überwiesen werden, aus Familien mit einem psychisch kranken Elternteil stammen.»

Stiftung Suchthilfe plant spezielle Kindergruppen
Die Aargauische Stiftung Suchthilfe ags plant ergänzend zum KJPD-Angebot auf 2010 themenspezifische Gruppen für Kinder aus suchtbelasteten Familien. «Das Ziel ist, den Kindern aufzuzeigen, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine sind und an den Problemen der Eltern keine Schuld tragen», erklärt Suzanne Pellaux. «Wichtig ist auch, dass die Kinder konstruktive Bewältigungsstrategien im Umgang mit der Krankheit ihrer Eltern finden.»
«Auch wenn es nie thematisiert werde, merken die Kinder, dass in ihrer Familie etwas nicht stimmt - Angst und Scham lassen sie jedoch schweigen. Oder anders ausgedrückt: Mit einem ständig betrunkenen Vater kann man bei den Kollegen nicht angeben», so Martin Pfeffer. Der KJPD hilft den Kindern. «Die Familie gilt nach wie vor als Privatsache. Unsere Aufgabe besteht in erster Linie darin, die Kinder zu stärken, damit sie die Situation zu Hause aushalten können», erklärt Pfeffer.


Dies sei auch aus Sicht der Prävention wichtig: «Die Kinder lernen, Probleme anders zu lösen als etwa mit Alkohol.» Zudem sei es eine traurige Tatsache, dass Personen, die als Kinder vernachlässigt wurden, später nicht selten die eigenen Kinder vernachlässigen - obwohl sie hochmotiviert sind, bessere Eltern zu werden als ihre eigenen waren. «Nicht zuletzt aus diesem Grund ist eine möglichst frühzeitige Intervention wichtig, um die Wiederholung der psychischen Probleme über die Generationen hinweg möglichst zu vermeiden.»

Autor: Ursula Känel Kocher