Ein Mann mit Intelligenzminderung und Autismus? Eine Frau mit Trisomie 21, die eine Alzheimer-Demenz entwickelt? «Menschen mit einer geistigen Behinderung sind viel häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen als Menschen ohne geistige Behinderung», sagt Dan Georgescu, ärztlicher Leiter des Departements Gerontopsychiatrie und Neuropsychiatrie der PDAG mit Standorten in Windisch und Aarau.

Kommunikation als Problem

Was erschwerend dazu kommt: Betroffene Personen können ihre psychischen und auch körperlichen Beschwerden verbal nicht immer verständlich äussern. «Deshalb werden diese nicht erkannt oder nicht richtig interpretiert. Aggressives Verhalten beispielsweise ist nicht selten auf ein körperliches Problem – etwa Bauchschmerzen – zurückzuführen», sagt Georgescu. Nur: Während Bauchschmerzen oft schneller zu behandeln sind, ist es mit psychischen Erkrankungen komplizierter – erst recht, wenn der Patient zusätzlich geistig behindert ist.

Lücke wird geschlossen

Dan Georgescu sagt denn auch: «Dieses Teilgebiet der Psychiatrie ist in der Schweiz – anders als die Alters-, Sucht- oder Forensische Psychiatrie -– nicht etabliert. Kein medizinischer Fachbereich hat sich in den letzten Jahren dafür zuständig gefühlt.» Diese Lücke wird mit dem neuen Neuropsychiatrischen Konsiliardienst der PDAG in Aarau geschlossen. Menschen mit geistiger Behinderung oder tiefgreifender Entwicklungsstörung erhalten dort eine auf sie abgestimmte, zeitgemässe Behandlung. Angeboten werden ambulante Abklärungen in Aarau, daneben besucht Georgescu mit seinem Team – regelmässig oder punktuell – spezialisierte Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung. Die Bewohner werden vor Ort psychiatrisch und psychologisch untersucht und die Betreuenden hinsichtlich allfälliger medizinischer oder psychologischer Massnahmen beraten.

«Anders als zum Beispiel in Grossbritannien gibt es in der Schweiz nur ganz wenige Psychiater und Psychologen, die auf diesem Gebiet tätig sind», sagt Georgescu. Die Spezialisten des Neuropsychiatrischen Konsiliardienstes sind erfahren in der Abklärung von Hirnfunktionen wie Gedächtnis, Gefühle oder Intelligenz und auch in der psychiatrischen Supervision von Heimpersonal. Dadurch unterstützen sie gezielt die betreuenden Fachleute – wie Heil- oder Sozialpädagogen – in ihrer Arbeit. «Die PDAG sind dank ihres breit gefächerten Know-Hows dafür prädestiniert, hier aktiv zu werden», sagt Dan Georgescu.

Kurz notiert

Der Neurospychiatrische Konsiliardienst wird im Januar 2014 eröffnet. Er teilt sich die Räume mit der «Memory Clinic» am Schanzweg 7 in Aarau. Das Angebot richtet sich an erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung oder einer Entwicklungsstörung wie zum Beispiel Autismus. Die Zuweisung erfolgt über Ärzte oder spezialisierte Institutionen. www.pdag.ch

Autorin: Ursula Känel Kocher / Gesundheit Aargau