Frau Benker, wer den Verein anker kontaktiert, landet bei Ihnen. Klingelt Ihr Handy häufig?

Doris Benker: Das ist unterschiedlich. Aktuell fragen auffallend viele Personen nach freien Plätzen in unseren begleiteten Wohngemeinschaften. Vielleicht haben die Leute Nachwehen von den Festtagen: Man war viel beisammen und ist sich vermutlich auf die Nerven gegangen. Das soll ja vorkommen (lacht).

Und, hat man zurzeit Chancen auf einen Einzug?

Aktuell gibt es in unseren acht WGs nur einen freien Platz, und zwar in derjenigen in Frick – und für diesen haben wir bereits Bewerbungen erhalten.

Wer kommt für einen WG-Platz überhaupt infrage?

Menschen, die mindestens in einem 50-Prozent-Pensum einer Arbeit ausserhalb der WG nachgehen. Wir unterstützen die Bewohner tatkräftig bei der Suche nach einem Job. Wichtig auch: Sie müssen wegen ihrer psychischen Krankheit in ärztlicher Therapie sein. Viele leiden an mehr oder minder ausgeprägten Angststörungen. Personen mit Suchtproblematik nehmen wir nicht auf.

Und wie sieht die Begleitung aus? Zwei Fachpersonen besuchen die WGs je nach Situation wöchentlich oder 14-täglich. Sie fragen nach, wie es auf der Arbeit läuft und wie es den Bewohnern gesundheitlich geht. Dies im Unterschied zu betreuten Wohnformen, wo ständig jemand vor Ort ist. Die Bewohner können aber jederzeit anrufen.

Der anker setzt sich auch dafür ein, dass Menschen mit psychischer Erkrankung einer Arbeit nachgehen können: Dafür sorgen mittlerweile zwei «Arbeitscoachs».

Etwas, worauf wir sehr stolz sind. Der «Arbeitscoach» ist sicher das erfolgreichste Projekt, das der anker in Zusammenarbeit mit der PDAG lanciert hat. So führten Bernhard Dubs und Ueli Bigler im letzten Jahr 300 Erstgespräche, wovon 200 Personen weiter begleitet wurden.

Dies mit dem Ziel, dass Betroffene ihren bisherigen Job behalten können. Nur: Zaubern kann der Arbeitscoach ja auch nicht?

Zaubern nicht, nein – aber er kann den Arbeitgeber aus neutraler Warte aus über die psychische Erkrankung informieren. Und zwar so, dass der Arbeitgeber danach weiss, was er vom Angestellten erwarten kann und was momentan eher nicht geht. Psychische Erkrankungen sind, das ist das Verzwickte, nicht so deutlich fassbar wie etwa ein Beinbruch. Nicht zuletzt darum tut man sich wohl auch so schwer damit.

Die Erfahrung der Arbeitscoachs hat gezeigt, dass Arbeitnehmer, sofern sie gut informiert werden, durchaus bereit sind, Betroffene weiterhin zu beschäftigen.

Es geht Stufe um Stufe vorwärts, ja – das ist erfreulich. Dennoch wären noch viel mehr solche Arbeitgeber respektive Arbeitsplätze nötig, damit Betroffene gar nicht erst aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden und eine IV-Rente beziehen müssen. Das ist ein Ziel – abgesehen davon ist ein geregelter Tagesablauf unerlässlich bei der Behandlung einer psychischen Erkrankung. Jeder Mensch sollte arbeiten können. Arbeit bedeutet nicht nur Stress und Burnout, sondern eben auch Lebensqualität.

Sie stellen sich im Mai für vier weitere Jahre als Präsidentin des Vereins anker zur Wahl. Warum?

Weil es nach wie vor viel Engagement für die Unterstützung psychisch kranker Menschen braucht. Es gibt noch viel zu tun!