«Mein Mann, 68, vergisst alles. Wenn wir am Abend etwas besprechen, weiss er am nächsten Tag nichts mehr davon. Ich frage mich, ob er Alzheimer bekommt?», sagt Rita G. Sie beschliesst, ihn für eine Untersuchung in der «Memory Clinic» der Psychiatrischen Dienste Aargau anzumelden. Dort trifft er auf den 28- jährigen Paul M. Der Student klagt über massive Konzentrationsschwierigkeiten beim Lernen. «Ich befürchte, mit meinem Hirn stimmt etwas nicht», sagt er.

Hirn-Spezialisten vereint

In der «Memory Clinic» kümmern sich Neuropsychologen, Neurologen und Psychiater um Patienten mit kognitiven Störungen, wie Peter G. und Paul M. sie haben – also Störungen, die mit den höheren Hirnfunktionen zusammenhängen. «Abhängig davon, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist, äussern sich kognitive Störungen ganz unterschiedlich», weiss der leitende Arzt Dan Georgescu. Etwa in Form von Problemen mit der Konzentration, Schwierigkeiten bei der Orientierung, Sprachstörungen oder aber der erwähnten Vergesslichkeit.

Apropos Vergesslichkeit: «Alzheimer ist die wohl bekannteste, aber nicht die einzige Demenz-Erkrankung, mit der wir zu tun haben», betont Dan Georgescu. Daneben gibt es beispielsweise die Lewy-Körperchen-Demenz, die frontotemporale oder aber die vaskuläre Demenz. Jedoch: «Längst nicht jeder Vergesslichkeit muss eine Demenz-Erkrankung zugrunde liegen», sagt Dan Georgescu. Während manche kognitive Störungen hirnorganisch bedingt sind – bei Demenzerkrankungen ist dies der Fall –, können andere ihre Ursache auf der psychischen Ebene haben; Stichwort «Pseudo-Demenz».

«Unsere Aufgabe ist es, die Gründe herauszufinden und für jeden Patienten die individuell bestmögliche Behandlung zusammenzustellen.» Dazu gehört unter anderem die neuropsychologische oder psychotherapeutische Unterstützung, allenfalls auch die Gabe von Medikamenten. Jedoch: «Kein Therapieplan gleicht dem andern, weil jeder Patient eine andere Geschichte hat», betont Dan Georgescu. Heisst: Der Ehemann von Rita G. und Student Paul M. zeigen zwar beide ähnliche Symptome, werden aber ganz unterschiedlich behandelt. Denn: «Neben Diagnose müssen persönliche Fähigkeiten, Motivation, Lebenseinstellung und auch Umfeld berücksichtigt werden; ebenso kulturelle und soziale Aspekte, manchmal auch die Ernährung. Es ist sehr komplex », sagt Dan Georgescu.

Konsultationen verdreifacht

Die Dienste der Hirn-Spezialisten sind begehrt: In den sieben Jahren, seit die erste «Memory Clinic» der PDAG in Windisch eröffnet wurde, haben sich die Konsultationen verdreifacht. Dan Georgescu sieht die Gründe dafür einerseits in der demografischen Entwicklung der Bevölkerung, die immer älter wird; «andererseits aber auch in der zunehmenden Sensibilisierung der Menschen, was kognitive Störungen betrifft. Fast jeder kennt in seinem Bekanntenkreis jemanden, der an Demenz leidet.» Die Memory Clinic sei jedoch nicht nur eine Demenz-Sprechstunde für ältere Personen, sondern ein Kompetenzzentrum für sämtliche Fragen rund um die kognitiven Funktionen, unabhängig vom Alter der Betroffenen.

Um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden, wird am 1. Juli an der Hirslanden Klinik in Aarau eine zweite «Memory Clinic» eröffnet. Dan Georgescu: «Mit dem Standort Aarau schliessen wir eine Versorgungslücke im Westteil des Kantons.»

Zur Person: Dan Georgescu ist Leitender Arzt der «Memory Clinic», Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, spezialisiert auf Alterspsychiatrie und -psychotherapie sowie auf Konsiliar- und Liaisonpsychiatrie.

Autorin: Ursula Känel Kocher / Koordination Gesundheit Aargau