Die letzten Strahlen der Herbstsonne tauchen das Anwesen am  Römerweg in Möriken in goldenes Licht. Rudolf Häusermann hat den Nachmittag in seinem Garten verbracht. «Die Obstbäume muss ich noch zurückschneiden, aber ansonsten ist jetzt alles bereit für den Winter», sagt der 90-Jährige, pflückt einen Salat aus dem Beet und wirft diesen schwungvoll ins Hühnergehege. Die zwölf Hühner kommen gackernd angerannt. Elf Eier haben sie heute gelegt, wie sich danach beim Gang ins Hühnerhaus zeigt. Rudolf  Häusermann platziert diese vorsichtig in einem Eierkarton: «Das gibt ein nettes Omelett.»

Druckgefühl und Atemnot
Im Garten befand er sich auch, als er die starken Schmerzen in der Brust verspürte. Das war im Sommer dieses Jahres. «Ich war am Kirschenpflücken», erinnert sich der pensionierte Maurer. Als er am nächsten Tag dem Arzt gegenüber das Druckgefühl im Oberkörper und die zeitweilige Atemnot schilderte, schickte dieser ihn direkt in die Notfallaufnahme des Kantonspitals Aarau. Ultraschall, Herzkatheteruntersuchung und Computertomografie zeigten neben Wasser auf der Lunge eine fortgeschrittene Verkalkung der  Aortenklappe.

Verkalkte Herzklappe
Letzteres komme, so sagt André Vuilliomenet, Chefarzt der Kardiologie am Kantonsspital Aarau, bei älteren Menschen häufig vor. Vorstellen kann man sich das so: Die linke Herzkammer pumpt mit jedem Herzschlag Blut durch die Aortenklappe in die Brustschlagader. Normalerweise ist die Öffnung einer gesunden Aortenklappe drei bis vier Quadratzentimeter gross. Bei Rudolf Häusermann war es aufgrund der Verkalkung weniger als ein Quadratzentimeter. Die Folge: Sein Herzmuskel musste zunehmend einen höheren Druck erzeugen, um die gleiche Menge Blut zu fördern, was den Muskel der linken Herzkammer über die Jahre stark anwachsen liess.

Dieses «Ungleichgewicht» führt dann zu Symptomen wie Atemnot und einem Gefühl der Brustenge; in fortgeschrittenem Stadium kann auch plötzliche Bewusstlosigkeit oder eine akute Herzinsuffizienz mit Lungenödem auftreten. «Das Perfide an der Aortenklappenverkalkung», so der Leitende Arzt Igal Moarof, «ist die Tatsache, dass sie lange Zeit unbemerkt bleibt.» Wenn Symptome auftreten, müsse man handeln: «Je nach Schweregrad nimmt die Lebenserwartung ab diesem Zeitpunkt massiv ab.»


Fachleute Hand in Hand
Im neuen Herzzentrum Aargau arbeiten die Kardiologen vom Kantonsspital Aarau mit den Herzchirurgen Thierry Carrel und Lars Englberger von der Hirslandenklinik Aarau Hand in Hand und besprechen im interdisziplinär besetzten «Heart Team» gemeinsam die Behandlungsmöglichkeiten für jeden einzelnen Patienten. «Die konventionelle Operation, bei der der Brustkorb eröffnet und eine Herzklappen-Prothese eingesetzt wird, ist eine Möglichkeit – allerdings eine aufwendige, die für den Patienten eine längere Rekonvaleszenz bedeutet», sagt André Vuilliomenet. Bei Patienten, denen eine solche Operation nicht zugemutet werden kann, gibt es die Möglichkeit, die Aortenklappe mittels Ballondilatation zu erweitern. «Leider verkalkt die Öffnung relativ rasch von Neuem, weshalb diese Methode nicht mehr häufig zum Einsatz kommt», ergänzt Igal Moarof.

Obwohl sich Rudolf Häusermann einer für seine 90 Jahre überdurchschnittlich guten Gesundheit erfreut, kam die offene Aortenklappen-Operation für ihn aufgrund seines Alters nicht infrage. Die KSA-Kardiologen vom Herzzentrum Aargau entschieden sich für ein relativ neues, minimal-invasives Verfahren namens «TAVI»: Bei diesem Eingriff wird die für den Patienten ausgewählte Herzklappe über einen Zugang der Leiste eingeführt und mittels Ballon im Herzen aufgeblasen (vergleiche Artikel unten).

Nach vier Tagen wieder daheim
Igal Moarof war es, der mit Rudolf Häusermann die verschiedenen Möglichkeiten im Vorfeld besprach. «Ich war immer ein positiv denkender Mensch und habe mich gut betreut gefühlt », blickt Rudolf Häusermann zurück. Der Eingriff selber dauerte 90 Minuten; nach vier Tagen war der Rentner bereits wieder zu Hause. «Es geht mir heute sehr gut; lediglich wenn ich vom Liegen schnell aufstehe, verspüre ich ein Druckgefühl in der Brust.» «Aber», so fügt er mit einem Schmunzeln an, «ich würde mich jederzeit wieder auf den Schragen legen.» Sagt’s, nimmt den Eierkarton und verschwindet in der Küche.

Autorin: Ursula Känel Kocher