Wenn er sich im alljährlichen Militärdienst befand, gönnte sich Roland Widmer* bei morgendlichen Pausen meist eine Schoggimilch. So auch bei seinem letzten Einsatz vor drei Jahren. Doch dieses Mal verschaffte ihm die Zwischenverpflegung wenig Freude: «Bereits fünf Minuten nachdem ich die Milch getrunken hatte, sass ich auf der Toilette », erzählt er heute. Widmer hatte ein drückendes Gefühl im Bauch und fürchterlichen Durchfall. «Damals wusste ich nicht, was meine Verdauung durcheinanderbrachte », sagt er. Mittlerweile steht fest: Widmer leidet an einer Laktose-Intoleranz: Er verträgt keinen Milchzucker. Das ist jenes Zuckermolekül, wissenschaftlich Laktose genannt, das in der Milch von Säugetieren enthalten ist.

Das nützliche Gen vom Balkan

Die Laktose-Unverträglichkeit war der ursprüngliche Zustand des Menschen. Doch als unsere Vorfahren in der Jungsteinzeit begannen, Vieh zu halten, stand ihnen eine neue, bis dahin ungenutzte Nährstoffquelle zur Verfügung: tierische Milch. Menschen, die fähig waren, Milchzucker zu verdauen, hatten gegenüber anderen einen enormen Überlebensvorteil, konnten sie doch von der wertvollen Ressource profitieren. Eine einzige genetische Mutation, die die Produktion des Verdauungsenzyms Laktase auch im Erwachsenenalter sicherstellt, hat sich in dieser Zeit in ganz Europa verbreitet. Bisher gingen Forscher davon aus, dass dieses Gen erstmals in Skandinavien auftauchte. Dort ist die Laktosetoleranz noch heute weit verbreitet, weil sie ein effizientes Mittel ist, um den Körper trotz wenig Sonnenlicht mit Vitamin D zu versorgen. Nun haben Wissenschafter vom University College London allerdings Zentraleuropa als Ursprungsregion der vorteilhaften Mutation bestimmt: Ihren Untersuchungen zufolge entstand das neue Gen vor rund 7500 Jahren bei einer Sippe von Viehzüchtern in der Region des heutigen Balkans. (MAM)

Widmers Probleme haben nichts mit einer Milchallergie zu tun, bei der das Immunsystem auf Kuhmilchproteine reagiert. Die Symptome der Allergie sind drastischer: Sie reichen von Rötungen und Schwellungen der Haut bis zu Erbrechen, im Extremfall gar zu Kreislaufversagen. Die Ursache von Widmers Verdauungsstörung ist vielmehr ein eigentlich natürlicher Enzymmangel. Ab dem fünften Lebensjahr hört der menschliche Körper allmählich auf, das Enzym Laktase zu produzieren – dieses spaltet bei Säuglingen den Milchzucker in seine Bestandteile Glukose und Galaktose. Fehlt das Enzym, wandert der Milchzucker unverdaut in den Dickdarm und verursacht Beschwerden. Dort ansässige Bakterien bauen die Laktose zu Stoffen ab, die den Darm peinigen: Milchund Essigsäure, Kohlendioxid, Wasserstoff und Methan.

Als der Mensch begann, Vieh zu züchten, entwickelte er die Fähigkeit, sich auch im Erwachsenenalter von Milch zu ernähren. Nach neuesten Erkenntnissen entstand die dazu nötige genetische Anpassung in der Nähe des heutigen Balkans (siehe Kasten). Die nützliche Genmutation verbreitete sich vor allem dort, wo Menschen auf die zusätzliche Nährstoffquelle angewiesen waren. Diese Regionen weisen noch heute geringere Häufigkeiten von Laktose-Intoleranz auf: In Europa leiden 2 Prozent der Skandinavier, aber bis zu 70 Prozent der Sizilianer darunter. Roland Widmer hat das Pech, zu jenen 29 Prozent der Schweizer zu gehören, welche die vorteilhafte Mutation von ihren Vorfahren nicht geerbt haben. Dass sein Bauch im jungen Erwachsenenalter zum ersten Mal verrückt spielte, ist typisch für die Laktose-Intoleranz. Doch wie lässt sich überprüfen, ob allfällige Verdauungsprobleme tatsächlich mit der Unverträglichkeit von Milchzucker zusammenhängen? «Ein einfacher Test hilft weiter», sagt Martin Geyer, Facharzt für Innere Medizin in Wettingen. «Ich rate meinen Patienten jeweils, einen Liter Milch zu trinken. Wenn der Bauch vier Stunden lang ruhig bleibt, ist höchstwahrscheinlich keine Laktose-Intoleranz vorhanden.» Falls Beschwerden auftreten, schaffe ein Besuch beim Spezialarzt letzte Klarheit: Dort werde per Atemtest die Verdauung von Milchzucker überprüft.

 

Betroffene rät Geyer, ihre Essgewohnheiten anzupassen: «Der Verzicht auf Esswaren, die viel Laktose enthalten, verschafft schon grosse Erleichterung.» Zu diesen gehören Milch (auch Schaf- und Ziegenmilch) und Rahmprodukte. Butter und Hartkäse weisen dagegen deutlich weniger Milchzucker auf. «Tückisch ist versteckte Laktose », sagt der Facharzt. Denn Milchzucker komme sogar in Produkten wie Tütensuppe und Wurst vor. «Wirksame Medikamente gibt es, sie sind aber nur in Ausnahmefällen nötig: Bei Restaurantbesuchen kann ein laktasehaltiges Präparat Sinn machen», so Geyer weiter. Selbst die Industrie hat sich inzwischen auf die Problematik eingestellt und bietet immer mehr Produkte ohne Milchzucker an. Das war auch die Lösung für Roland Widmers Beschwerden. Heute gönnt er sich in Pausen laktosearme Milch. Die könne er fast literweise trinken. * Name geändert