Während Sie diese Zeilen lesen, sagt irgendeine Zelle ihres Körpers: «So, jetzt habe ich keine Lust mehr. Ab sofort mache ich, was ich will.» Die Zelle geht ihre eigenen Wege. Sprich: Sie entartet. «Das passiert bei jedem von uns, und zwar permanent», sagt Martin Wernli, Chefarzt der Abteilung Onkologie und Hämatologie im Kantonsspital Aarau. Er fügt beruhigend hinzu: «Unser Körper ist dafür gerüstet und hat eine Art Radarsystem eingebaut, das solche Querschläger erkennt und unschädlich macht.»

Vom Knötchen zum Knoten

Nur: Manche Zellen «fliegen» so tief, dass sie dem Radar entgehen. Bedeutet: Sie entarten weiter. «Wir selber merken nichts davon. Das ist ja das Perfide an Krebserkrankungen: Krebs tut im Anfangsstadium nicht weh. Es braucht mindestens 1 Milliarde Krebszellen, bis ein Tumor- Knötchen in der Grösse eines Daumennagels tastbar ist», sagt Wernli. Dieser Prozess kann über Wochen, Monate oder Jahre andauern. «Man merkt es erst, wenn das Knötchen zu einem Knoten geworden ist, irgendwo auf einen Nerv drückt oder ein Blutgefäss anknabbert und Blutungen auslöst.» Beispiele: Ständige Rückenschmerzen, die weder auf Schmerzmittel noch auf andere Therapien ansprechen, können im schlimmsten Fall zum Beispiel auf einen Krebs der Bauchspeicheldrüse hindeuten; Blut im Stuhl auf Darmkrebs.

Der Pathologe ist es, der den Verdacht schliesslich erhärtet: Er untersucht die von einem Chirurgen entnommene Gewebeprobe (Biopsie) und erkennt unter dem Mikroskop, ob es sich um Krebszellen handelt oder nicht. Falls ja, stehen zwei Fragen im Vordergrund. Zum einen: Wo hat der Krebs seinen Ursprung? Zum anderen: Hat er bereits Ableger gebildet – und wenn ja, in welchem Gebiet? Denn: «Krebs ist nicht gleich Krebs, sondern stellt eine Gruppe von ganz unterschiedlichen Krankheiten dar», sagt Martin Wernli.

Komplettes Angebot

Im KSA werden sämtliche, das heisst rund 200 Krebsarten behandelt. Involviert sind dabei 40 diagnostische und therapeutische Fachdisziplinen; vom Pathologen über den Chirurgen bis zum Strahlentherapeuten, dem Nuklearmediziner oder dem Psycho-Onkologen. Diese tauschen sich jede Woche an 16 interdisziplinären, sprich spartenübergreifenden «Tumorboards» aus und suchen nach der individuell besten Behandlung für jeden einzelnen Patienten.

Sämtliche Angebote im Krebs-Behandlungsbereich – von der Prävention über die Diagnostik und die Behandlung von lokalisierten und metastasierten Tumoren bis zur Nachsorge und «Palliative Care» – hat das KSA neu unter dem Namen «Onkologiezentrum Mittelland» zusammengefasst. Für dieses wird – im Rahmen der Qualitätssicherung – eine spezielle Zertifizierung angestrebt (Artikel unten).

«Offen und ehrlich aufklären»

«Stellen Sie sich vor, wie Sie reagieren würden, wenn Ihnen der Arzt eröffnet, dass Sie Krebs haben.» Martin Wernli, seit 30 Jahren in der Onkologie des KSA tätig, weiss: «Die Diagnose bedeutet für jeden Patienten eine enorme Erschütterung; der Zustand danach ist vergleichbar mit einem posttraumatischem Schockzustand. » Ganz wichtig sei eine rasche, offene und ehrliche Aufklärung über die Krankheitssituation. «Der Patient muss verstehen, was die Ärzte sagen, und Entscheidungen mittragen können. Seine Fragen müssen einfühlsam, aber realistisch beantwortet werden. Ungewissheit macht Angst; aber falsche Hoffnungen zu wecken, nützt auch niemandem etwas.»

Umfassende Pflege und psychologische Betreuung sind darum – neben der eigentlichen medizinischen Versorgung – wichtige Pfeiler im Onkologiezentrum Mittelland. Wernli: «Daneben verstehen wir uns aber auch als Teil eines Netzwerks. Wichtig ist für uns die Zusammenarbeit mit anderen Spitälern, mit Ärzten in der Praxis, mit der Krebsliga, der Spitex und anderen Partnern im Mittelland. » Denn: «Sicher ist: Wegen der höheren Lebenserwartung der Bevölkerung werden wir immer mehr Krebspatienten zu betreuen haben.»

Informationen im Internet unter: www.ksa.ch/onkologiezentrummittelland

Autorin: Ursula Känel Kocher