Der wissenschaftliche Kongress fand Mitte Oktober mit 5'500 Teilnehmenden in Basel statt. Der Wissenstransfer und die Patientensicherheit standen im Zentrum der wissenschaftlichen Tagung. Kongresspräsident und Chefarzt Dr. med. Martin Wernli vom Kantonsspital Aarau KSA zieht eine positive Bilanz im Interview.

Martin Wernli, was sind die wichtigsten Erkenntnisse des Kongresses?
Es ist vor allem die Vielzahl von neuen Erkenntnissen über Krebsentstehung und mögliche Behandlungsformen, welche sehr beeindruckend war. Die Tumorforschung bringt fast täglich neues Wissen hervor. Das Wissen muss dann auf Relevanz und Nutzen für die Patienten geprüft werden. Weiter muss es rasch in anwendbare Therapieschemata umgesetzt werden. Lösungen für diese riesige Herausforderung des Wissenstransfers von der Forschung an das Patientenbett wurden präsentiert und diskutiert.

In welcher Richtung geht die Krebsforschung heute?
Immer detaillierter verstehen wir die Abläufe in den Krebszellen der über 200 verschiedenen Krebskrankheiten und sogar die unterschiedlichen Besonderheiten der Krankheiten bei jedem einzelnen Menschen. Mit diesem Wissen können wir zunehmend gezielter und individueller therapeutischen Einfluss nehmen. Dies erhöht die Wirksamkeit unserer Behandlungen und reduziert die Nebenwirkungen.

Welche Rolle spielen dabei „Big Data“?
„Big Data“ oder Massen-Daten werden auch in der Onkologie und Hämatologie immer mehr zum Thema. Technische Möglichkeiten erlauben es uns heute schon, in kurzer Zeit Milliarden von individuellen genetischen und biologischen Daten von Krebszellen beim einzelnen Patienten zu generieren. Die Technische Entwicklung ist dabei wesentlich schneller als unsere Fähigkeit der Interpretation. Wir müssen erst noch lernen, diese Masse von Informationen aus dem Labor zu deuten. Dann muss eine Vernetzung mit den klassischen klinischen Daten erfolgen. Erst dann können wir „Big Data“ im vollen Umfang zum Nutzen der Krebsbetroffenen verwenden. Wenn uns dies gelingt, könnten „Big Data“ zu einem Quantensprung im Fortschritt gegen Krebskrankheiten führen. Ich sehe da ein grosses Potential.

Was versteht man unter Patientensicherheit?
Bei jeder Behandlung können Fehler passieren. Es ist unsere Aufgabe, dieses Risiko mit allen Mitteln zu minimalisieren. Wir entwickeln dazu bessere Technologien und Techniken, standardisieren Abläufe und pflegen eine risikobewusste Team-Kultur. Fehler sind in der Regel nicht das Versagen von Einzelpersonen sondern Folgen von Lücken in einem System.

Das KSA hat diesen Grossanlass ausgerichtet. Wie kam es dazu?
Die Vergabe nach Aarau erstaunt auf den ersten Blick, da die bisherigen Veranstalter Universitätskliniken aus den drei Ländern der Fachgesellschaften waren. Als Zentrumsspital sind wir stolz und es ist uns eine grosse Ehre, den Zuschlag für die diesjährige Jahrestagung erhalten zu haben. Das Kantonsspital Aarau verfügt über eine starke Onkologie und Hämatologie. Wir sind gerade dabei, eines der ersten zertifizierten Onkologiezentren der Schweiz zu werden. Unter diesem Aspekt macht die Vergabe durchaus Sinn.

Welche Bilanz ziehen Sie nach den fünf Tagen?
An der Jahrestagung haben 5'500 Besucher teilgenommen. Insgesamt wurden in den letzten 5 Tagen über 1'000 Vorträge gehalten. Das macht diese Jahrestagung zum wichtigsten Kongress für Onkologen und Hämatologen im deutschsprachigen Raum. Ich freue mich, dass wir die ganze Bandbreite der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse präsentieren konnten. Mit einer Pflegetagung, einem Programm für Studierende und einem Patiententag haben wir die Jahrestagung erfolgreich vervollständigt. Eine interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit ist absolut zentral. Deshalb war die Versammlung derart vieler Fachleute an einem Ort ein ganz wichtiger Schritt für den weiteren Fortschritt in der Krebsbekämpfung.