Von Andreas Krebs

Die Fachärzte der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sind Humanmediziner und Zahnmediziner in einem. «Mich faszinieren die Breite und die Komplexität des Gebietes», sagt der Leitende Arzt Christoph Leiggener. Zum 50-Jahr-Jubiläum der innovativen Klinik in Haus 2A wurde dieses im vergangenen Herbst umgebaut. Es war die letzte bauliche Massnahme im Rahmen des modernen Kopf- und Neurozentrums, das bereits am 31. Mai 2016 eröffnet wurde. Damit hat die Interdisziplinarität der Fächer, die sich mit Kopf-, Hirn- und Wirbelsäulenerkrankungen beschäftigen, eine neue Qualität auf Universitätsniveau erreicht.

«Für die Qualität der Versorgung und die optimale interdisziplinäre Behandlung der Patienten des KSA sind wir eine wichtige Schnittstelle», sagt Leiggener. Bei der Tumorbehandlung zum Beispiel bestehe eine enge Zusammenarbeit mit der plastischen Chirurgie und, bei Bedarf, mit der HNO-Klinik sowie den Ophthalmologen und Neurochirurgen. «Die interdisziplinäre Zusammenarbeit funktioniert hervorragend», betont Leiggener. «Und die kurzen Wege ermöglichen eine effiziente Planung und Umsetzung. Davon profitieren die Patienten.»

Forschungszentrum Basel-Aarau

Patienten profitieren auch von der engen Zusammenarbeit zwischen dem KSA und dem Universitätsspital Basel, besonders von den Innovationen des Hightech-Forschungszentrums Basel-Aarau. Hier stehen die computerassistierte und 3D in Echtzeit navigierte Chirurgie sowie der Einsatz von 3-D-Technologien für die Operationsplanung im Zentrum. «Dabei werden im 3-D-Drucker Schnittschablonen ausgedruckt, mit deren Hilfe wir zum Beispiel Kieferknochen präzise schneiden können», erläutert Leiggener. «Es ist eine spannende Herausforderung, die Entwicklungen mitzugestalten und neue Technologien in die klinische Praxis einzuführen.»

In Aarau wurde auch die Verwendung von Keramikzahnimplantaten geprägt. «Implantate ersetzen die Wurzel eines Zahnes», erklärt Stefan Röhling, Oberarzt Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und Spezialist für Implantate. «Das ist eine optimale Möglichkeit, um verloren gegangene Zähne zu ersetzen, vom Gefühl her wie der eigene Zahn.»

Titanimplantate mit angerauter Oberfläche hätten sich in den letzten Jahrzehnten als Goldstandard bewährt. Bei dünnen Weichgewebeverhältnissen könne jedoch die graue Metallfarbe durchschimmern. «Das kann vor allem im ästhetisch relevanten Frontzahnbereich zu unbefriedigenden Ergebnissen führen.» Ausserdem können sich Infektionen um das Titanimplantat herum entwickeln; Ursache sei meist eine Bakterienanlagerung als Folge einer mangelhaften Mundhygiene. Diese Bakterien könnten das Weichteil- und Knochengewebe angreifen. Auch könne es in Einzelfällen zu Reizungen der Schleimhaut durch Metallabrieb und Korrosionserscheinungen kommen.

Zahnfarbene Keramikimplantate

Aufgrund dieser unerwünschten Nebenwirkungen habe man sich schon länger mit Alternativen beschäftigt, so Röhling. «Seit Anfang der Jahrtausendwende werden metallfreie keramische Implantate aus Zirkoniumdioxid angeboten. Mit diesen zahnfarbenen Implantaten können ästhetisch äusserst anspruchsvolle Rekonstruktionen angefertigt werden.» Darüber hinaus komme es zu einer geringeren Bakterienansammlung als bei Titan; und rosten kann Keramik nicht. «Zirkoniumdioxid ist ein biokompatibles Material, das heisst absolut verträglich», erklärt Röhling. Titan hingegen habe lediglich einen biokompatiblen Charakter.

Die Experten des KSA haben in Zusammenarbeit mit dem Universitätsspital Basel die Implantate mitentwickelt und als erste Klinik in der Schweiz verwendet, notabene schon zwei Jahre vor der Markteinführung im April 2014. «Unsere Versuche haben gezeigt, dass diese neuen Keramikimplantate genauso gut in Knochengewebe einwachsen wie die etablierten Titanimplantate», sagt Röhling und betont: «Die heutige Hochleistungskeramik hat nichts mit den Keramikimplantaten der 70er-Jahre zu tun.» Diese bestanden aus Aluminiumoxid und sind öfters gebrochen. Keramikimplantate aus Zirkoniumdioxid dagegen haben vergleichbare Überlebens- und Erfolgsraten wie Titanimplantate – zumindest was die bisherigen Erfahrungen zeigen. Betreffend Kosten und Zeitaufwand gibt es keine Unterschiede. Jedoch sei es mit einteiligen Keramikimplantaten einfacher, ein Provisorium zu setzen, so Röhling. Darüber hinaus zeige die klinische Erfahrung, dass Keramikimplantate vor allem bei der Weichgewebsanlagerung Vorteile haben.

Grosse Qualitätsunterschiede

Röhling warnt allerdings, dass es auf dem Markt sowohl Titan- wie auch Keramikimplantatsysteme mit unterschiedlichen Qualitätsstandards gibt. «Manche Hersteller bringen Produkte auf den Markt, die kaum wissenschaftlich getestet sind.» Das habe zum Imageverlust vor allem von Keramikimplantaten geführt. «Wenn man moderne Systeme verwendet, die wissenschaftlich untersucht sind, dann funktionieren Keramikimplantate hervorragend. Im ästhetisch relevanten Frontzahnbereich setzen wir fast ausschliesslich Keramikimplantate ein – mit hervorragenden Resultaten.»

Zum Aufgabengebiet der Klinik gehören neben der Implantologie und der Behandlung von Tumoren im Kopf-Hals-Bereich die Behandlung von Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, Kopfdeformationen bei Säuglingen, Gesichtsrekonstruktionen nach Unfällen, wachstumsbedingten Kieferfehlstellungen sowie Kiefergelenkserkrankungen. Auch die Diagnostik und Therapie bei Mundschleimhautveränderungen, die Vorstufen von bösartigen Erkrankungen wie Krebs sein können, gehören dazu. Des Weiteren bietet die Klinik das komplette Spektrum der Oralchirurgie und Prävention an, inklusive zahnärztlicher Behandlungen in Vollnarkose.