Es ist ein Teufelskreis: Der Nachwuchs fettleibiger Frauen neigt später selbst verstärkt zu extremem Übergewicht. So werden Gewichtsprobleme über Generationen vererbt – und häufen sich in der Bevölkerung, wie die Entwicklung in Amerika, aber auch in Deutschland zeigt.

ALS SICH KATHY PERUSSE im Jahr 1995 einer Adipositas-Operation unterzog und danach 54 Kilogramm abnahm, erleichterte sie wohl nicht nur ihr eigenes Leben. Vor der Magenverkleinerung brachte die Kanadierin zwei Kinder zur Welt. Die 22-jährige Tochter wiegt 136 Kilogramm, der 16 Jahre alte Sohn mehr als 100 Kilo. Nach der Operation gebar die Frau aus dem Ort Three Rivers in der Provinz Quebec zwei weitere Kinder. Diese neigen – im Gegensatz zu ihren älteren Geschwistern – möglicherweise nicht zu Fettleibigkeit. Das Gewicht der beiden Mädchen im Alter von vier und sieben Jahren ist bisher normal.

Studien deuten darauf hin, dass die Nachkommen sehr korpulenter Frauen schon im Mutterleib darauf programmiert werden, später selbst eine ausufernde Leibesfülle zu entwickeln. Die biologische Erklärung für diesen Zusammenhang wird derzeit erforscht. Zwar streiten Wissenschafter darüber, wie stark solche Signale im Mutterleib auf den Fötus einwirken, aber: «Die Hinweise häufen sich, dass dies ein entscheidender Punkt ist», sagt der Adipositas-Experte Matthew Gillman von der Universität Harvard und steht damit nicht allein.«Das könnte ein überaus wichtiger Faktor sein», glaubt auch Robert Waterland vom Baylor College of Medicine in Houston. Gelänge es Forschern, die verantwortlichen Mechanismen im Mutterleib zu klären, so könnte krankhaftes Übergewicht künftig besser verhindert und auch behandelt werden.

Die Folgen von Fettleibigkeit kennt die 39-jährige Kathy Perusse nur zu gut. Bevor sie am Magen operiert wurde, brachte die 1,57 Meter kleine Frau 130 Kilo auf die Waage. Sie konnte nicht Fahrrad fahren, die Treppe zu ihrer Wohnung im ersten Stock schaffte sie nur keuchend mit Zwischenstopps. Um folgenden Generationen ein solches Schicksal zu ersparen, empfiehlt der Mediziner John Kral von der State University New York adipösen Frauen, vor der Schwangerschaft abzunehmen. Kinder, die nach einer Gewichtsoperation der Mutter zur Welt kommen, haben seiner Erfahrung zufolge ein wesentlich geringeres Risiko, fettleibig zu werden. Zudem seien sie etwa wegen geringerer Blutfettwerte weniger anfällig für Diabetes 2. Dies liegt laut Kral nicht an Veränderungen der Lebensführung. Stattdessen nehme der Körper nach einer Magenverkleinerung weniger Nährstoffe auf, und das Blut enthalte weniger Fett und Zucker. Dadurch würden weniger Kalorien an den Fötus weitergereicht, betont der Forscher.

SEIN KOLLEGE WATERLAND verweist auf einen anderen möglichen Mechanismus: Demnach beeinflussen schon kleine Veränderungen im Mutterleib die Vernetzung von Gehirnarealen, etwa jenes Signalwegs, der das Verhältnis zwischen aufgenommenen und verbrannten Kalorien bestimmt. Eine massgebliche Rolle spiele dabei die Aktivierung bestimmter Erbanlagen. Bei zu Fettleibigkeit neigenden Mäusen stieg mit zunehmender Korpulenz des Muttertiers auch das spätere Gewicht der Nachkommen. Förderte Waterland aber das Andocken bestimmter Stoffe an die Chromosomen, konnte er die Vererbung der Leibesfülle blockieren. Vielleicht, so mutmasst der Forscher, wirkt sich auch mütterliches Übergewicht auf die Aktivität bestimmter Gene aus.

Wenn man diese Mechanismen erst einmal verstünde, könnte man sie wohl auch unterdrücken. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. In der Zwischenzeit empfehlen Experten adipösen Frauen, vor einer Schwangerschaft abzunehmen. Dies ist sowieso ratsam, denn Fettleibigkeit erhöht das Risiko für Komplikationen wie Diabetes, Präeklampsie oder eine Fehlgeburt. Zudem sollten sehr korpulente Frauen während der Schwangerschaft weniger stark zunehmen als Normalgewichtige. Und schliesslich sollten sie nach der Entbindung und vor einer nächsten Schwangerschaft wieder zu ihrem Normalgewicht zurückfinden.

Autor: MALCOLM RITTER