Seit Monaten wird die Geschichte der Sex-Affäre der beiden Politiker Jolanda Spiess-Hegglin und Markus Hürlimann durch die Medien geschleift. Keine Sorge, wir vertiefen das hier nicht weiter. Interessant ist: Spiess-Hegglin leistet damit – ungewollt – einem Tabu-Thema Schützenhilfe: Sie leide unter einer Gebärmuttersenkung, liess sie die Öffentlichkeit kürzlich wissen.

Lebensqualität leidet
Was gar nicht mal so selten ist. «Etwa jede dritte Frau über 55 Jahre ist von Senkungszuständen im Genitalbereich betroffen», weiss Gabriel Schär, Leiter des Beckenbodenzentrums am Kantonsspital Aarau. Auch bei jüngeren Frauen kann dies vorkommen. Unterschieden wird dabei, ob sich die Gebärmutter, die Harnblase oder der Darm in die Scheide senken – «im Extremfall so stark, dass sie unten rausschauen», verdeutlicht Gabriel Schär. Gesundheitsgefährdendsei dies in aller Regel nicht – aber dass die Lebensqualität darunter leidet, leuchtet ein. Schär betont: «Die gute Nachricht ist, dass sowohl Senkungsbeschwerden wie auch Inkontinenz oder eine Reizblase gut behandelbar sind – aber man muss sich trauen, ohne Scham darüber reden.»

Alle Fachgebiete vereint
So geschehen bei Ingrid Fritschi (Name geändert), 73jährig, die von ihrem Gynäkologen ins KSA überwiesen wurde. Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie nicht nur an einer Beckenbodensenkung mit Unterbauchschmerzen und ungewolltem Urinverlust leidet, sondern auch an einer Stuhlinkontinenz. «Was interessiert den Gynäkologen meine Stuhlinkontinenz?» habe sie sich gewundert. Schär schmunzelt und sagt: «Das ist für uns sogar sehr wichtig zu wissen.» Warum? Im interdisziplinären Beckenbodenzentrum arbeiten Gynäkolgen, Proktologen (Darmspezialisten), Urologen und weitere Fachleute Hand in Hand, wofür das Zentrum im vergangenen Dezember mit dem Zertifikat
der «ClarCert», einer offiziellen deutschen Zertifizierungsbehörde, ausgezeichnet wurde. Im Fall von Ingrid Fritschi etwa entschieden sich Gynäkologe und Proktologe in Absprache mit der Patientin für einen gemeinsamen operativen Eingriff, bei dem das stützende Bindegewebe sowohl von Scheide als auch Darm gestreckt (im Fachjargon
«gerafft») und der defekte Schliessmuskel rekonstruiert wurde, um eine Verbesserung zu erzielen.

Eine Operation ist aber längst nicht immer nötig. Bei leichten Senkungszuständen können regelmässiges Beckenbodentraining (Artikel unten), eine lokale Hormonbehandlung oder ein Pessar (zum Beispiel ein Silikonwürfel), das von der Patientin selber in die Scheide eingelegt wird, helfen. Operative Eingriffe erfolgen entweder minimal invasiv in Form der Bauchspiegelung oder vaginal; «das hängt nicht zuletzt auch davon ab, ob die Patientin sexuell noch aktiv ist.» Bei einer isolierten Gebärmuttersenkung
als Beispiel hat sich heute die «Sakropexie» durchgesetzt, weil sie gute Langzeitresultate zeigt und keine vaginalen Narben verursacht.  Dabei wird via Bauchspiegelung
ein Netz an der vorderen und hinteren Scheidewand angenäht und zusätzlich am Kreuzbein fixiert, damit künftig alles am Platz bleibt, wo es hingehört.

Wenn Husten die Blase belastet
Wann waren Sie, so nebenbei, das letzte Mal auf der Toilette? Über den regelmässigen Gang aufs «Häuschen» macht man sich erst Gedanken, wenn etwas nicht mehr funktioniert, wie es sollte. Zum Beispiel dann, wenn die Blase allzu selbstständig agiert. Urin-Inkontinenz ist ein Tabu-Thema, das die Lebensqualität stark einschränken kann. «Wenn Husten, Niesen, Lachen oder sportliche Tätigkeiten einen ungewollten Harnverlust auslösen, sprechen wir von Belastungsinkontinenz», erklärt Gabriel Schär. Gründe dafür gibt es viele: Schwere Geburten, Übergewicht, zunehmende Gewebeschwäche oder schwere körperliche Arbeit. «Auch hier kann ein gezieltes Beckenbodentraining helfen. Gute Erfahrungen haben wir zudem mit der operativen Einlage eines Bändchens gemacht, das die Harnröhre in ihrer Funktion unterstützt», so Gabriel Schär.

Botox gegen lästige Reizblase
Eine Blasenschwäche liegt auch dann vor, wenn man quasi ständig «für nichts» die Toilette aufsuchen muss. Eine solche «Reizblase» wird häufig durch chronische Blaseninfektionen ausgelöst - eine typische Frauenkrankheit. Eine neuere Behandlungsmethode ist hier die so genannte «perkutane Tibial-Nerv-Stimulation», bei der via
Akupunkturnadel schwache elektrische Impulse auf bestimmte Nerven abgegeben werden, was die Blasenreizschwelle herabsetzt. Manchmal greift Schär auch zur Botoxinjektion, die, in die Blasenwand eingespritzt, den «Drang» und somit die Häufigkeit der Toilettengänge reduziert. Die Wirkung hält allerdings nur 6 bis 12 Monate an.
Dass bei Inkontinenz, Senkungsbeschwerden und Blaseninfektionen auch das Sexualleben beeinträchtigt ist, scheint logisch. Womit wir wieder bei bei Jolanda Spiess-Hegglin wären...

Autorin: Ursula Känel Kocher / Gesundheit Aargau