Herr Bodis, einen Krebstumor kann man kaum nur mithilfe von Hitze zum Verschwinden bringen.

Stephan Bodis: Nein, natürlich nicht. Die drei bewährtesten Methoden der Krebsbehandlung sind die Chirurgie, die Strahlen- und die medikamentöse Therapie. Die Hyperthermie kommt im KSA immer zusätzlich zur Bestrahlung und in einem späteren Zeitpunkt zusätzlich zur Chemotherapie zum Einsatz.

Mit welchem Ziel?

Bodis: Man weiss schon lange, dass Krebszellen hitzeempfindlicher sind als gesunde Zellen. Vor allem aber werden die meisten Krebszellen durch die Hyperthermie für eine Strahlen- oder Chemotherapie empfindlicher gemacht. Je höher und je länger die Hitzeeinwirkung, desto grösser der Verstärkungseffekt. Dieser kann 25 bis 50 Prozent betragen.

Ein Effekt, der auch von der Forschung bestätigt wird?

Bodis: Ja, die Wirksamkeit von Hyperthermie ist durch zahlreiche internationale Studien belegt. Eine, die vor wenigen Jahren publiziert wurde, stammt von der Duke University in North Carolina. Bei zwei Dritteln von bereits bestrahlten Patientinnen konnte ein erneut aufgetretener Brustkrebs durch eine wiederholte Bestrahlung mit einer relativ niedrigen Strahlendosis und einer gleichzeitigen Wärmetherapie zum Verschwinden gebracht werden. Und: Auch wenn nicht immer eine Heilung möglich ist, verbessert die Hyperthermie die Lebensqualität vieler Patienten.

Seit einem Monat ist das Institut für Radio-Onkologie des Kantonsspitals Aarau – als einziges Zentrum in der Schweiz – mit einem Tiefenhyperthermie-Gerät ausgerüstet. Wann wird dieses eingesetzt?

Bodis: Bei tief im Körper gelegenen Tumoren, beispielsweise im Beckenbereich: also bei Dickdarm-, Gebärmutterhals-, Prostata- und Harnblasenkrebs oder bei Weichteiltumoren, so genannten Sarkomen. Das war zuvor nicht möglich? Bodis: Nein, bis anhin haben wir nur die lokale Oberflächenhyperthermie angewendet – und zwar bei Tumoren, die dicht unter oder in der Haut liegen, also etwa bei wiederkehrendem Brustkrebs, wiederkehrenden Kopf- Hals-Tumoren und auch beim Schwarzen Hautkrebs. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Hyperthermie bei denjenigen Tumoren zum Einsatz kommt, die ungenügend auf eine Bestrahlung ansprechen – der erwähnte Schwarze Hautkrebs zum Beispiel –, oder bei Tumor-Rückfällen, bei denen ohne Hyperthermie eine zweite Bestrahlung meist gar nicht mehr möglich ist – etwa in der Beckenregion.

Und welche Nebenwirkungen haben Patienten zu befürchten?

Bodis: Die vom Tumor betroffene Körperstelle wird mithilfe von elektromagnetischen Wellen auf 42 bis 43 Grad aufgeheizt. Selten können durch die Wärme für kurze Zeit lokale Schmerzen, Hautrötungen oder Schwellungen auftreten. Im Vergleich mit anderen onkologischen Behandlungsformen hat die Wärmetherapie aber praktisch keine bleibenden Langzeitschäden. Will heissen: Bestrahlen kann man einen Tumor nicht unbeschränkt, weil das umliegende gesunde Gewebe in Mitleidenschaft gezogen wird. Bei der Hyperthermie ist das nicht der Fall.

Wie viele Patienten haben Sie bisher mit Hyperthermie behandelt?

Bodis: Seit 2006 waren es 72 Personen. Das erklärte Ziel mit dem neuen Gerät sind jetzt 30 Patienten jährlich.

Eignet sich diese Behandlungsform für alle Krebsbetroffenen?

Bodis: Nein, sie darf wegen der elektromagnetischen Wellen nicht angewendet werden bei Patienten mit schweren Herzerkrankungen, Herzschrittmachern, künstlichen Gelenken oder Metallimplantaten. Auch bei schwangeren Patientinnen wird nicht hyperthermiert.

Hyperthermie ist ein noch relativ junges Gebiet in der Onkologie.

Bodis: Das ist richtig. Es gibt erst 22 Center in ganz Europa, die die Tiefenhyperthermie anbieten; 11 davon befinden sich in Deutschland. Das Kantonsspital Aarau gehört in der Schweiz zu den Vorreitern auf diesem Gebiet.

Wer ist dabei alles involviert?

Bodis: Es besteht eine Kooperation mit der ETH, was Technik, IT und Physikforschung betrifft, wie auch mit dem Universitätsspital Zürich für gemeinsame Patienten- Therapien. Eine Kooperation für die patientennahe Forschung ist mit dem Protonenzentrum am Paul-Scherrer-Institut geplant. Ich bin sicher, dass die Möglichkeiten der Hyperthermie noch nicht ausgeschöpft sind.

Interview: Ursula Känel Kocher / Gesundheit Aargau