Eine neue Studie zeigt, dass in der Schweiz opiathaltige Medikamente einen Boom erleben. Wieso ist das problematisch?
Wenn diese Medikamente richtig eingesetzt werden, sind sie sehr sinnvoll. Ein unkritischer Einsatz ist aber bedenklich, da diese Medikamente ein grosses Abhängigkeitspotenzial haben. Die Gefahren zeigen sich aktuell in den USA, wo man auch im öffentlichen Raum dramatische Bilder von schwer Opiatabhängigen sieht. Bilder, die wir in der Schweiz seit den 90er-Jahren kaum noch sehen, vor allem dank der guten Hilfs- und Substitutionsangebote. Dennoch muss man auch in der Schweiz ein Auge auf diese Entwicklung haben.


Rund 1000 Suchtkranke werden in den PDAG pro Jahr behandelt; sie sind die grösste Patientengruppe. Welches ist die Droge Nummer 1?
In der Gesellschaft ganz klar Nikotin und Alkohol. Mit grossem Abstand folgen Cannabis, deutlich vor Kokain und Opioiden. Letztere sind zahlenmässig zwar viel weniger, aber die Patienten sind häufig deutlich kränker, weshalb die Behandlung teuer ist.


Können Sie das beziffern?
In der Schweiz verursachen Alkohol und Nikotin pro Jahr je zirka 4 Milliarden Franken direkte und indirekte Kosten, der ganze illegale Bereich kostet die Gesellschaft weitere 4 Milliarden.


Gehören Rausch und Menschheit zusammen?
Solange der Mensch Erfahrungen ausserhalb seines Alltagsbewusstseins machen will, wird er auch zu Substanzen greifen. Das sind tief verwurzelte menschliche Bedürfnisse. Eine Gesellschaft ohne Rausch muss auch gar nicht das Ziel sein. Viel wichtiger ist, dass man lernt, zwischen risikoarmem Konsum, risikoreichem Konsum und einer Abhängigkeit zu unterscheiden, um so einen verantwortungsvollen Umgang mit diesen Substanzen zu fördern.


Rund 85 Prozent der erwachsenen Bevölkerung trinken Alkohol. Ab wann wird es problematisch?
Die maximale Empfehlung für Frauen ist ein Standardgetränk, also ein Glas Bier oder Wein pro Tag, für Männer zwei. Wenn man beispielsweise auch häufiger als einmal pro Monat mehr als vier Standardgetränke am Abend trinkt, ist das zumindest punktuell schon ein risikoreiches Trinkverhalten. In diesem Bereich liegen aber um die 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Gerade weil Alkohol gesellschaftlich so sehr eingebunden ist, ist es umso wichtiger zu realisieren, dass oft schon ein risikoreiches Trinkverhalten vorliegt.


Was tun, wenn man ein problematisches Trinkverhalten entwickelt?
Die meisten Menschen mit einem problematischen Konsum werden nicht von Psychiatern betreut, sondern von Hausärzten, die sehr wirksame Kurzinterventionen anbieten können. Zudem bieten verschiedene Beratungsstellen niederschwellig und dezentral Unterstützung an. Wichtig ist, frühzeitig zu intervenieren, um so der Entwicklung einer Abhängigkeit vorzubeugen.


Wann kommen die PDAG ins Spiel?
Wenn es sich um manifeste Abhängigkeitserkrankungen handelt oder wenn der Patient zusätzlich zum Alkohol noch andere Drogen konsumiert, weitere psychische Störungen vorliegen oder die erwähnten Angebote nicht zu einer Verbesserung führen. Wenn wir frühzeitig und effizient mit den Hausärzten und den Beratungsstellen zusammenarbeiten, kann man stationäre Eintritte durch ambulante psychiatrische Interventionen verhindern oder verkürzen.


Wieso ist bei der Suchtbehandlung die Vernetzung so wichtig?
Grundsätzlich erfolgt eine nachhaltige Suchtbehandlung immer in einem Netzwerk – es braucht nicht nur den Psychiater, sondern wegen der körperlichen Folgen oft auch Kollegen aus der somatischen Medizin. Zudem braucht es häufig auch sozialarbeiterische Unterstützung, etwa wenn es um die Finanzen oder um das Wohnen geht. Auch Selbsthilfegruppen sind ein wichtiger Partner in diesem Netzwerk.


In Basel gibt es 10 Psychiater auf 10 000 Menschen, im Kanton Zürich 5, im Aargau 2,3. Was bedeutet das für Betroffene?
Die sehr niedrige Zahl macht es schwierig für Patienten, eine ambulante psychiatrische Betreuung zu bekommen und für Suchtpatienten ist es immer noch etwas schwieriger.


Wieso haben Suchtpatienten mehr Mühe, einen Arzt zu finden?
Weil sie häufig sehr komplexe Patienten sind. Viele Suchtkranke haben zusätzlich zur Abhängigkeitserkrankung weitere tiefgreifende Störungen wie Depressionen oder Angststörungen. Oftmals sind sie zudem traumatisiert und versuchen, das Trauma durch den Konsum von Substanzen zu bewältigen. Wenn man nun die Substanz wegnimmt, zeigen sich oft wieder mehr Symptome der Traumatisierung. Deshalb sollte man bei der Suchtbehandlung auch die psychiatrischen Begleiterkrankungen konsequent mitbehandeln. Dies ist aber durch die Abhängigkeit anspruchsvoller.


Und wie die Vernetzung stärken?
Neben dem Ausbau von ambulanten Angeboten braucht es mehr Austausch mit den Netzwerkpartnern. Eine psychiatrische Unterstützung muss für den Hausarzt oder die Beratungsstelle einfach und unkompliziert erhältlich sein.
Das ist wichtig im Hinblick auf


TARPSY, das die Abgeltung stationärer Leistungen der Psychiatrie regelt und nächstes Jahr implementiert wird. Mit welchen Auswirkungen?
Die Kosten für die stationäre Behandlung werden degressiv sein. Man will so die Liegezeiten verkürzen. Das ist grundsätzlich auch sinnvoll, aber nur umsetzbar, wenn man tragfähige ambulante Angebote hat und diese auch finanziert werden. Auch deshalb müssen wir unsere Vernetzung mit den Beratungsstellen und den hausärztlichen Angeboten stärken.